Wer ist eigentlich … Frans Timmermans?

Als die neue EU-Kommissionschefin Ursula von der Leyen ihr Team präsentierte, stand die Ernennung von Frans Timmermans zum Vizepräsidenten mit Zuständigkeit für den europäischen „Green Deal“ an erster Stelle. Seinen Spitznamen „Frans Rapid“ verdankt er zwar seiner Schlagfertigkeit, Tempo machen muss er aber nun auch. Wer ist der Mann, mit dem Europa klimaneutral werden soll?

Menschen bewegen – das kann er. Als er im Sommer 2014 nach Abschuss des Linienflugs MH17 über der Ostukraine im UN-Sicherheitsrat sprach, schrieben die Zeitungen er habe „die Welt zum Weinen gebracht“. Von einem auf den anderen Tag wurde Frans Timmermans zum beliebtesten Politiker der Niederlande – und schon bald die „rechte Hand“ des EU-Kommissionsvorsitzenden Jean-Claude Juncker.

Dessen Nachfolger wurde zwar nicht er, sondern Ursula von der Leyen, doch nun muss er wieder Menschen bewegen. Diesmal für die Klimawende: Als Kommissar für Klimaschutz und Vize an der Seite der Deutschen ist eines seiner Kernprojekte „das erste europäische Klimagesetz“. Mit dem soll der Green Deal verankert werden, das im Dezember von Ursula von der Leyen ausgerufenen Ziel, Europa bis 2050 klimaneutral zu machen.

Als „Arbeitspferd“ mit einem Wochenpensum von 80 Stunden hat ihn das niederländische Magazin „HP/De Tijd“ einmal bezeichnet – und das passt angesichts der Herausforderungen. „Uns läuft die Zeit davon, wenn wir unsere Versprechungen nicht einhalten“, verkündete Timmermans kurz nach Amtsantritt im Dezember.

Er verglich die aktuelle Lage mit dem Wissen um einen Kometen, der in 30 Jahren auf die Erde fallen wird – und dann absurd untätig zu bleiben. „Wir können etwas tun, wir haben die finanziellen Mittel, die technischen Möglichkeiten.“

Ein Neuling auf dem Gebiet ist der bekennende Anhänger des Fußballclubs AS Rom nicht. So verantwortete er als EU-Kommissar etwa das 2021 in Kraft tretende Verbot von Einwegkunststoffartikeln, also Plastikgeschirr, Strohhalmen, Wattestäbchen und Luftballonhaltern. Noch vor Greta Thunbergs Aufstieg und dem Aufkommen der pauschalen „Flugscham“ verlangte „Frans“, wie ihn seine Genossen nennen, die Abschaffung von Kurzstreckenflügen.

Franciscus Cornelis Gerardus Maria Timmermans, wie er mit vollem Namen heißt, setzt sich darüber hinaus auch schon länger ein für eine enger zusammenarbeitende EU, eine europäische Arbeitslosenversicherung, einen europäischen Mindestlohn und für Fruenrechte. Vom ZDF-Chefredaktuer Dr. Peter Frey im TV-Duell zur Europawahl gefragt, was gegen eine Frau als Kommissionspräsidentin spreche, parierte er: Nichts. Aber man kann auch einen Feministen da hinsetzen – mich!“

Ein typischer Vertreter seiner Partei ist Timmermans, der französische Literatur studiert hat, ohnehin nicht. So haut er auch schon mal Sprüche raus wie „Ein offenes Europa bedeutet nicht, dass jeder willkommen ist“, was im linken Lager nicht immer gut ankommen dürfte. „Der Niederländer beherrscht auch die Law- and-Order-Töne“, schrieb der „FOCUS“. Harte Kante zeigte er allerdings auch gegenüber den Visegrad-Staaten. Mit denen liegt Timmermans schon länger über Kreuz, er wirft Ungarn und Polen die Verletzung demokratischer regeln vor. „Anti-Orban“ taufte ihn „DER SPIEGEL“ daraufhin. Beim Green Deal wird er die Osteuropäer mit ins Boot holen müssen – keine leichte Aufgabe, die sein ganzes dipliomatisches Geschick erfordern dürfte.

Chancensucher in der Klimawende

Timmermans sieht das Ziel der Klimaneutralität nicht als Bedrohung, sondern als riesige Chance – das gibt ihm Überzeugungskraft. „Europa kann mit einer wasserstoffbasierten Wirtschaft weltweit führend werden“, so lautet eine seiner Überzeugungen. Zudem müsse an alternativen Antrieben in der Luftfahrt gearbeitet, den Schienenverkehr ausgebaut und eine EU-Maut eingeführt werden.

Und die europäische Industrie gegebenenfalls mit einer CO2- Grenzsteuer geschützt werden. Ein Umweltradikaler ist Timmermans, der seine politische Laufbahn in den 1990er Jahren als Parlamentsabgeordneter der Partei der Arbeit (PvdA) begann und zwischen 2012 und 2014 Außenminister der Niederlande war, aber nicht.

Zwar glänzt er – er spricht neben seinen Muttersprachen Niederländisch und Limburgisch fließend Deutsch, Englisch, Französisch, Russisch und Italienisch – bevorzugt weiter auf internationalem Parkett. Er weiß aber auch um die Nöte von Branchen und Regionen, die noch an alten Technologien oder fossilen Energien hängen. Seine Autobiografie erschien 2010 mit dem Titel „Glück auf“; beide Großväter haben schließlich im Bergbau gearbeitet. Dem heute strukturschwachen ehemaligen Kohlestädtchen Heerlen, wo er den größten Teil seiner Kindheit verbrachte, bringt er tiefe Heimatverbundenheit entgegen.

Bei Bekanntgabe des Green Deal in den sozialen Medien sprach er dann auch gleich davon, dass die potenziellen Verlierer berücksichtigt werden müssten. „Because if this is not a social Green Deal, it will not be a successful green deal„, twitterte Timmermans. Bei einem Pressegespräch soll der große Bruce Springsteen-Fan einmal sein Handy herausgeholt und „If I should fall behind“ abgespielt haben: „I`ll wait for you, and should I fall behind, wait for me.“ Das sagt er, sei für ihn Sozialdemokratie: „Keiner wird alleingelassen.

Der Artikel erschien ursprünglich in „Fondsgespräch 2020 06“ der FIL Fondsbank GmbH.

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